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Eine Nacht im Nebel
Aus dem Persischen von Susanne Baghestani Ich hatte eine Pechsträhne. Der Motor meines Wagens erstarb genau vor der roten Ampel. Ich betätigte ein paar Mal den Anlasser. Als die Ampel schließlich auf Grün umsprang, drückte ich wütend das Gaspedal durch und startete erneut. Er wollte einfach nicht anspringen. Als ich den Wagen hinter mir hupen hörte, stieg ich sofort aus. Eine Hand legte ich auf das Steuerrad, schob das Auto mit der Schulter an und rollte es mit letzter Kraft an den Bordstein. Erneut betätigte ich den Anlasser. Es half nichts. Ich schob den Wagen weiter, bis zur Nebenstraße. Während ich das Steuerrad in ihre Richtung einschlug, spürte ich, dass es leichter voranging. Ich machte kehrt und sah hinter mich. Zwei Männer schoben den Wagen an. Es waren Ladeninhaber aus der Nachbarschaft. Sie sagten, ich solle einsteigen und den Gang einlegen. Dann schoben sie den Wagen an. Sobald er in Fahrt kam, nahm ich den Fuß von der Kupplung. Er sprang nicht an. Sie schoben mich noch ein paar Mal an. Beim letzten Mal stieg ich sogar aus, um den Wagen mit anzuschieben. Sobald er wieder beschleunigte, sprang ich hinein, legte den Gang ein und nahm den Fuß von der Kupplung, aber er sprang nicht an. Einer der beiden fragte, ob mir vielleicht das Benzin ausgegangen sei. Ich zeigte ihm die Benzinuhr. Der Tank war voll. Schließlich stellte ich das Auto vor ihrem Geschäft ab, dem einzigen, das zu dieser nächtlichen Zeit noch geöffnet hatte. Den Wagen verriegelte ich mit Schloss und Kette und sagte ihnen, ich würde am nächsten Morgen vorbeikommen, um ihn abzuholen. Dann verabschiedete ich mich von ihnen und verließ die Nebenstraße. Erst in diesem Augenblick bemerkte ich die Kälte und den Nebel. Ich trug nicht viel am Leib, ein Jeanshemd, über das ich ein wollenes Jackett gezogen hatte. Ich schloss die Knöpfe des Jacketts, schlug den Kragen hoch und versenkte die Hände in den Jackentaschen. An der Hauptstraße wartete ich auf ein Taxi. Ich hatte ungefähr eine Viertelstunde im Nebel gestanden, ehe endlich eines vor mir hielt. Seine Fensterscheibe war verschlossen. "Tadjrisch-Platz", sagte ich. [1] Er kurbelte die Fensterscheibe herunter, "Einzelfahrt?" "Wie viel nehmen Sie?", fragte ich. "Einen grünen Tausender", sagte er. Ich schüttelte verneinend den Kopf. "Also musste 'ne Weile warten", sagte er. "Ich hab es nicht eilig", erwiderte ich. Mit der Hand bedeutete er mir, einzusteigen. Ich öffnete die Hintertür und sprang hinein. Er stieg aus dem Wagen und rief, "Tadjrisch." Die Straße war verlassen, und der Nebel wurde zunehmend dichter. Der Fahrer steckte den Kopf in den Wagen und sagte, "Gib mir 'nen Tausender, dann musste nicht warten." "Ich hab es nicht eilig", sagte ich erneut. Er zog den Kopf hinaus und rief, "Tadjrisch." Auf einmal sah ich, wie die Vordertür sich öffnete. Jemand setzte sich auf den Vordersitz, schloss die Tür und sagte, "Verflucht, wie kalt es geworden ist!" Sein langes Haupthaar hatte er hinten mit einem Gummiband zusammengebunden. Ich sagte, "In der Umgebung Teherans hat es geschneit." Er kurbelte die Fensterscheibe an seiner Seite hoch, drehte sich um und sah mich an. "Vom Nebel wird mir übel", sagte er. Ich schätzte ihn nicht älter als dreißig. Der Fahrer rief, "Tadjrisch." Der junge Mann wandte sich erneut zu mir um und fragte, "Agha, wartest du schon lange?" [2] "Nicht sehr lang, nur zwei, drei Minuten", sagte ich. Er nickte in Richtung des Fahrers, der weiter "Tadjrisch" rief, und sagte, "Solange das Taxi nicht voll ist, fährt er nicht los." Mit der Hand rieb er sich die Augen und fragte laut, "Agha, tut dein Kassettendeck nicht?" Der Fahrer steckte den Kopf hinein, "Nein, siehst du denn nicht, wie ramponiert es ist?" Er zog den Kopf hinaus. Der junge Mann wandte sich um und sagte, "Wo findet man zu dieser Nachtzeit noch Passagiere... Ach, da scheint einer zu kommen." Plötzlich öffnete sich die Tür neben mir, und ein Mann sagte, "Entschuldigen Sie bitte." Ich rückte hinein. Er stieg ein, schloss die Tür und sagte, "Euch scheint es hier ja nicht schlecht zu gehen." Er hielt sich die Hände vor den Mund und behauchte sie ein paar Mal. Er war alt und trug einen langen, weißen Bart. Dann nahm er seine Wollkappe ab, faltete sie und steckte sie in seine Manteltasche. Der junge Mann wandte sich um und sagte, "Wie lang will der Typ uns noch warten lassen?" Der alte Mann erwiderte, "Ich hab es schön warm hier." Er lachte. Der junge Mann sagte laut, "Agha, bei deinen Vorfahren, komm lass uns fahren." Der Fahrer steckte den Kopf hinein, "Meinten Sie mich?" "Den Rest kannst du doch unterwegs aufnehmen." "Wenn es nicht klappt, zahlst du dann für den Verlust?" Der junge Mann antwortete, "Vielleicht kommen gar keine Passagiere mehr." "Die kommen noch. Eh du dich dessen versiehst, sind sie da." Der Fahrer zog den Kopf heraus und rief wieder "Tadjrisch, Tadjrisch zwei Personen." Der alte Mann sagte, "Ich habe es überhaupt nicht eilig. Und wenn er morgen früh losfahren würde, mir wär es auch recht." Der junge Mann wandte sich um, "Für dich spielt es keine Rolle, aber ich habe zu tun. Weißt du, um welche Zeit ich morgen zur Arbeit muss?" Und er sagte laut zum Fahrer, "Komm, Agha, lass uns losfahren." Der Fahrer steckte erneut den Kopf herein. Er hatte es gehört. "Wenn ihr für die beiden Fehlenden bezahlt, fahr ich los." Der junge Mann drehte sich um und sah uns an, "Nun, was meint ihr? Dafür kommen wir schneller an." Der alte Mann wandte den Kopf zum Fenster. Der Jüngere sagte, "Mann, ich red mit dir. Willst du nicht schnell nach Hause?" Ohne sich umzuwenden, erwiderte der alte Mann, "Ich hab es nicht eilig." Der Jüngere sagte, "Zum Teufel damit." Er wandte sich wieder ab. Der Fahrer zog den Kopf hinaus und rief, "Tadjrisch, Tadjrisch zwei Personen." Immer noch zur Fensterscheibe gewandt, sagte der Alte, "Was für einen Nebel wir heute Abend haben!" Der Jüngere erwiderte, "Vom Nebel wird mir immer übel." Der Alte drehte sich zu mir und sagte leise, "Ich wette, er ist frisch verheiratet." Der Fahrer öffnete die Tür und setzte sich in den Wagen, "Jede andere Nacht würde ich um diese Zeit schon tief und fest schlafen." Er sah mich im Rückspiegel an, "Außerdem muss ich noch zurück zum Asadi-Platz... Ist Ihnen kalt?" [3] Er betätigte den Heizungsknopf, "Ich warte noch zwei, drei Minuten, dann fahr ich los." Er klopfte dem Jüngling auf den Schenkel, "Bist du nun zufrieden?" Der junge Mann schwieg. Plötzlich tippte der alte Mann ihm auf die Schulter, "Bei meinem Leben, sag die Wahrheit. Bist du frisch verheiratet?" Der junge Mann drehte sich um, "Ja." Der alte Mann sah mich an, "Siehst du, hatte ich's nicht gesagt? Sobald er den Mund aufmachte, wusste ich, was mit ihm los ist." Der Fahrer sagte, "Dann bist du nicht umsonst so zapplig." Ich spürte, dass es wärmer geworden war und legte den Kragen meines Jacketts um. Der alte Mann tippte dem jungen erneut auf die Schulter, "Das ist nur am Anfang so, junger Mann." Der Jüngere wandte sich um, "Wie denn?" Der alte Mann sagte, "In zwei Jahren willst du überhaupt nicht mehr nach Hause zurück." Er lachte laut auf. "Dann würdest du dir wünschen, dass der Fahrer erst morgens losfährt." Der Jüngere sagte, "Nicht nur die nächsten zwei, drei Jahre, sogar in hundert Jahren wär ich genau derselbe." Der alte Mann lachte noch immer, "Am Anfang sagen das alle, junger Mann. Stimmt's nicht, Herr Fahrer?" Der Fahrer betrachtete ihn im Rückspiegel, "Genau, anfangs redet man so." Der Jüngere war im Begriff, etwas zu erwidern, als der Fahrer abermals ausstieg und rief, "Tadjrisch, Tadjrisch, zwei Personen." Dann stieg er plötzlich wieder ein und schlug dem Jüngeren auf den Schenkel, "Da, Passagiere." Er wandte sich um und sagte zu dem alten Mann, "Darf ich Sie bitten, sich nach vorn zu setzen, damit das Paar einsteigen kann?" Der alte Mann wandte sich um und sah nach hinten. Dann stieg er aus und setzte sich vorn hinein. Das Paar stieg ein. Sie trugen etwas im Arm, ihr Kind, wie ich vermutete. Der Fahrer wollte den Gang einlegen, als die Frau fragte, "Fahren Sie über Vanak nach Tadjrisch?" "Nein, Chanum", sagte der Fahrer. "Das wär ein Umweg. Ich fahr über den Parkway." [4] Die Frau sagte, "Nehmen Sie vierhundert Tuman und fahren Sie über Vanak." Der Fahrer schwieg, legte den Gang ein und fuhr los. Die Frau sagte leise, "Nimm das Tuch von seinem Gesicht!" Der Mann zog das weiße Tuch, das auf dem Gesicht des Kindes lag, beiseite. Die Frau fragte laut, "Könnten Sie bitte Ihr Fenster schließen?" Das Fenster des Fahrers stand einen Spalt offen. Er sagte, "Die Scheiben beschlagen, Chanum." Die Frau sagte, "Das Kind erkältet sich." Der Fahrer kurbelte die Fensterscheibe hoch. Dann flüsterte der alte Mann dem Jüngeren etwas ins Ohr, das ich nicht verstand. Die Frau murmelte, "Ich bin nicht mehr bereit, deine Mutter zu besuchen. Hast du verstanden?" Behutsam schob ich meinen Kopf in ihre Richtung und spitzte die Ohren. Erneut murmelte die Frau, "Zum Teufel mit deiner Tante Nasrin, diesem erbärmlichen Weibsbild." Ich erwartete, daß der Mann etwas sagen würde, aber er tat es nicht. Er schwieg nur und schaukelte gelegentlich das Kind auf seinen Knien. Die Frau sagte laut, "Agha, fahren Sie doch ein bisschen langsamer!" "Keine Angst, Chanum", erwiderte der Fahrer. Die Frau sagte, "Aber können Sie denn den Weg vor sich genau sehen?" In dem Nebel fuhr er tatsächlich zu schnell. Sogar ich bekam es mit der Angst zu tun. Der Fahrer wiederholte, "Keine Angst, Chanum. Nacht für Nacht fahre ich diese Strecke, hin und zurück." Der alte Mann brach in ein Gelächter aus, "Ja, er weiß schon, wie er uns umbringen muss." Mit der Schulter stieß er den jungen Mann an, "Bete, daß du heute Nacht heil bei deiner Frau ankommst." Der junge Mann steckte seinen langen Haarschopf unter das Jackett und sagte, "Hoffentlich schneit es heute Nacht nicht. Morgen früh muss ich den ganzen Weg wieder zurück." Erneut hörte ich die gedämpfte Stimme der Frau, "Sie konnte mich schon von Anfang an nicht leiden... Weshalb hast du mich heute Abend dorthin gebracht?" Der Mann sagte sanft, "Sprich leiser, Chanum." Vorsichtig neigte ich mich ihm zu. Er murmelte, "Ich kann doch nicht hellsehen. Woher sollte ich denn wissen, dass sie heute Abend da sein wird?" "Du hättest anrufen können. Wie oft habe ich dir gesagt, ruf an." Der Mann sagte erneut, "Sprich leiser, Chanum." Er wandte sich um, ehe er mich jedoch ansehen konnte, hatte ich die Augen geschlossen und tat, als würde ich schlafen. Dann hörte ich abermals seine Stimme. "Von nun an werde ich immer vorher anrufen, wenn wir hingehen wollen." Die Frau umklammerte den Vordersitz, "Herr Fahrer, fahren Sie doch ein bisschen langsamer." Der Fahrer drosselte das Tempo und fragte, "Ist es so in Ordnung, Chanum?" Der Mann neben mir sagte, "Vielen Dank, Agha." Die Frau murmelte, "Du musst es deiner Mutter sagen. Sag ihr, sie soll diesen Abschaum nicht mehr einladen, wenn wir sie besuchen gehen." Der Mann erwiderte, "Woher sollte meine Mutter wissen, dass sie kommt? Außerdem, was ist denn schon geschehen?" "Was geschehen ist? Hast du nicht gehört, wie sie mich beleidigt hat? Dieses Miststück redet, was ihr in den Sinn kommt." Mittlerweile waren alle Scheiben beschlagen. Mit der Hand säuberte der Fahrer die Scheibe vor sich. Der alte Mann löste seinen Schal und fuhr mit ihm über die gesamte Frontscheibe. Der Fahrer sah mich im Rückspiegel an, "Wenn du so freundlich wärst, fahr einmal über die Heckscheibe." Mit der Handfläche entfernte ich den Dampf von der Heckscheibe. Der Fahrer sagte, "Vielen Dank." "Bitte schön", sagte ich. Ich rieb mir die Hand an der Hose ab. Der Fahrer kurbelte die Fensterscheibe neben sich ein wenig herunter. Die Frau murmelte abermals, "Sobald wir ankommen, werde ich deine Mutter selber anrufen." "Was redest du für einen Unsinn? Weshalb willst du sie kränken? Ich werde es ihr nachher selber sagen." Die Frau sagte laut, "Du sagst es nicht, du sagst es ja doch nicht. Du hast schon hundert Mal gesagt, du tust es, tust es aber nicht." Der Mann sagte, "Leise, Chanum, sie hören es." Erneut wandte er sich mir zu, diesmal konnte ich jedoch die Augen nicht rechtzeitig schließen. Ich tat dennoch, als hätte ich nichts gehört. Der Mann murmelte, "Morgen ruf ich sie vom Büro aus an. Bist du nun zufrieden?" "Ob du sie nun anrufst oder nicht, ich werde selber mit ihr telefonieren. Zum Teufel damit, dass es sie kränkt. Und wenn es mich kränkt... Herr Fahrer, schließen Sie doch das Fenster. Das Kind erkältet sich." Der Fahrer erwiderte, "Ich sehe nichts vor mir, Chanum. Ist doch besser, als dass wir einen Unfall bauen." "Wenn Sie langsam fahren, passiert gar nichts", sagte die Frau. "Ich fahre doch langsam." Die Frau wollte noch etwas sagen, als ich sah, wie ihr Mann zuckte. Vermutlich hatte er ihr den Ellbogen in die Seite gestoßen. Der alte Mann sagte, "So einen Nebel hab ich schon lang nicht mehr gesehen." Der Jüngere sagte, "Von diesem Nebel wird mir übel. Überhaupt hasse ich die Kälte." Der alte Mann lachte erneut, "Sei nicht so ungeduldig, junger Mann. Wir kommen schon noch an." "Hoffentlich schneit es nicht", erwiderte der Jüngere. "Morgen muss ich den ganzen Weg zurückfahren." "Da habe ich's doch gut, dass ich morgen ausschlafen kann... Was ist dein Beruf?" "Wir haben eine Werkstatt, wir bauen Schreibtische", erwiderte der junge Mann. "Gehört sie dir?" "Nein, ich bin Teilhaber." "Warum regst du dich dann so auf? Als ich dich so reden hörte, dachte ich schon, du seist Angestellter. Geh und schlaf dich morgen aus, mein Bester." "Wenn ich ausschlafen wollte, könnte ich ja meine Werkstatt gleich schließen", erwiderte der junge Mann. Die Frau sagte erneut etwas zu ihrem Mann, das ich nicht verstand. Er erwiderte, "Ich hab doch gesagt, in Ordnung. Morgen ruf ich an." Sie sagte leise, "Zieh ihm das Tuch über das Gesicht. So oft ich auch diesem Esel sage, er soll das Fenster schließen, er tut es nicht." "Sprich leiser, Chanum", erwiderte der Mann. Ich sah den Fahrer an. Vermutlich hatte er es gehört, ließ es sich jedoch nicht anmerken. Die Frau murmelte, "Kannst du dich erinnern, wie sehr sie sich am Anfang das Maul über mich zerrissen hat? Es wundert mich nur, dass deine Mutter nichts sagt." "Schließlich ist es ihre Schwester, Chanum." "Bin ich denn nicht ihre Schwiegertochter? Bin ich es nicht?" "Doch, aber was hast du denn je für sie getan? Hat sie nicht einen Monat lang im Krankenhaus gelegen? Weshalb hast du sie nicht besucht?" "Nun ja, schließlich war ich selber krank, und du warst nicht da. Du warst auf Dienstreise.", erwiderte die Frau. "Du lügst, du lügst doch. Dir ging es prima." "Du bist genau wie die", sagte die Frau. "Nein, du solltest dich ein wenig ändern. Tag und Nacht beschimpfst du meine Mutter. Aber wenn ich nur ein Wort über deine Mutter verliere, machst du mir das Leben zur Hölle." Seine Stimme war laut geworden. Die Frau sagte nichts. Plötzlich fragte der Fahrer, "Wollen Sie am Platz aussteigen?" "Nein, Agha, ein wenig nördlicher", sagte der Mann. Der Fahrer umrundete den Platz, war aber noch keine zwanzig Schritte weitergefahren, als der Mann sagte, "Danke, Agha. Hier steigen wir aus." Der Fahrer bremste. Das Paar zahlte und stieg aus. Der Fahrer legte den Gang ein und fuhr los. Plötzlich sagte er, "Ihr armer Ehemann." Der alte Mann brach in ein Gelächter aus, "Gott steh ihm bei. Das war aber ein Drachen. Da fehlte nicht viel, und sie hätte ihrem Mann eine Ohrfeige verpasst." "Aber zum Schluss hat er ihr Bescheid gesagt", sagte der Fahrer. Der alte Mann lachte noch immer und sagte, "Ach was, wie ich den einschätze, fürchtet er sich wie ein Hund vor seiner Frau. Ein richtiger Pantoffelheld." Er stieß den jungen Mann mit der Schulter an, "Siehst du nun, junger Mann? Wenn du nicht aufpasst, musst du bis an dein Lebensende unter dem Pantoffel deiner Frau stehen." Der junge Mann schwieg. Der Alte sagte wieder, "Du hast es doch nicht aus Furcht vor ihr so eilig, oder?" Der junge Mann erwiderte, "Nein, mein Lieber. Ich weiß, was Verpflichtung bedeutet." Der alte Mann lacht erneut laut auf, "Verpflichtung!" Dann drehte er sich um und fragte mich, "Sind Sie verheiratet, Agha?" "Ich habe sogar zwei Kinder." "Bei meinem Leben, sag die Wahrheit, bist du zufrieden?" "Ehrlich gesagt, ja, aber..." Er fiel mir ins Wort, "Aber was?" "Aber es ist nicht mehr wie früher. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Jetzt wünschen wir uns nur noch alles für unsere Kinder", antwortete ich. Er stieß den Jüngeren erneut mit der Schulter an, "Siehst du, siehst du nun, junger Mann! Der Tag wird kommen, an dem dir von allen Frauen übel wird. Früher oder später kommt es so, ganz sicher." Er lachte laut auf. Der Fahrer sagte, "Aber wirklich, Gnade ihm Gott. Ich glaube, bis der Zuhause ankommt, ist nichts mehr von ihm übrig." Der alte Mann sagte, "Das war einer von der Sorte. Während ich da vorne saß, dachte ich, gleich fang ich mir eine Ohrfeige ein." Der Fahrer sagte, "Das blöde Weib hat mich sogar beschimpft." Der junge Mann lachte, "Ja, ich hab es auch gehört." "Schade, dass ihr Mann dabei war, sonst...", erwiderte der Fahrer. Der alte Mann sagte, "Sonst was? Na, was denn? Der hättest du nichts anhaben können. Die hätte dich verschlungen." Er wandte sich um und sah mich an, "Hab ich nicht Recht, Agha?" "Offen gestanden würde ich es mit solch einer Frau nicht aufnehmen können", antwortete ich. Der alte Mann sagte, "Das bleibt sich gleich. Die sind doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt. Die lieben es, ihren Ehemännern auf der Nase rumzutanzen." Der Fahrer sagte, "Ach wo, ich schwör's, an seiner Stelle hätte ich ihr nicht erlaubt, auch nur einen Mucks zu sagen. Der Typ war erbärmlich. Sie hat ihn vor uns zur Schnecke gemacht." Der alte Mann sagte, "Das glaube ich nicht. Wie ich sie einschätze,..." Plötzlich sagte der junge Mann, "Ich steige hier aus." Der Fahrer fuhr an die Seite und hielt an. Der junge Mann zahlte und stieg aus. Als der Wagen losfuhr, kurbelte der alte Mann die Fensterscheibe herunter, steckte den Kopf hinaus und sagte laut, "Geh nur, deine Frau steht schon mit dem Riemen vor der Haustür." Er zog den Kopf wieder herein und lachte erneut laut auf. Dann kurbelte er die Scheibe hoch und sagte, "Der Arme, wie durcheinander er war." "Er hat doch Recht, Mann", sagte der Fahrer, "Er hat gerade erst geheiratet." Im Rückspiegel sah er mich an und fuhr fort, "Ich erinnere mich noch, ganz am Anfang war ich genau so. Den halben Tag arbeitete ich, und die übrige Zeit haben wir uns in irgendeinem Park vergnügt." Der alte Mann fragte, "Und wie ist es jetzt?" "Jetzt ist es, als würden wir gar nicht zusammenleben", erwiderte der Fahrer. Mit dem Daumen deutete er auf mich und sagte, "Wie bei diesem Herrn. Wir haben uns aneinander gewöhnt." Der alte Mann sagte, "Wenn ihr erst mal in meinem Alter seid, wird es noch schlimmer. Dann könnt ihr euch nicht einmal mehr leiden." Und er lachte wieder. Plötzlich verstummte er. Der Fahrer zog einen Lappen aus dem Handschuhfach und säuberte damit die Frontscheibe. Dann reichte er mir den Lappen. Ich putzte die Heckscheibe und händigte ihm den Lappen aus. Er nahm ihn, legte ihn zurück an seinen Platz und sagte, "Ich muss noch den ganzen Weg zurückfahren." Im Rückspiegel sah er mich an, "Ich hab keine Lust mehr, am Tadjrisch auf Passagiere zu warten. Ich fahr direkt zurück." "Am Tadjrisch gibt es sogar bis zum frühen Morgen Passagiere", erwiderte ich. "Ja, ich weiß, aber ich hab keine Lust mehr. Außerdem würden sie nur ständig herumnörgeln, ich solle das Fenster schließen." Der Fahrer lachte und sah den alten Mann an. "Stimmt's nicht, Agha? Besonders wenn ich eine von diesen Meckerliesen mitnehmen würde, oder?" Der alte Mann sah zum Seitenfenster hinaus. Ich erwartete seine Antwort, als ich plötzlich ein Schluchzen hörte. Ich streckte den Kopf vor und spitzte die Ohren. Er weinte leise. Der Fahrer legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, "Agha!" Der alte Mann drehte sich nicht um. Der Fahrer schüttelte seine Schulter und sagte erneut, "Agha! Agha!" Der alte Mann drehte sich nicht um. Wieder streckte ich den Kopf vor und sagte, "Agha!" Langsam wandte er sich zu uns um und sagte, "Meine Frau ist tot. Sie ist vorgestern gestorben." Er weinte lauthals. Wir hatten den Tadjrisch-Platz erreicht. Im Nebel waren nur die orangefarbenen Straßenlampen sichtbar. Der Fahrer hielt am Platz. Der alte Mann zahlte und stieg aus. Ich zahlte ebenfalls und verließ das Taxi. Der Wagen fuhr los und hatte sich im Nu entfernt. Ich machte kehrt, um nach dem alten Mann zu sehen, aber er hatte sich im Nebel verloren. *** Von langen Nächten Über persische Prosa und Lyrik der Gegenwart Susanne Baghestani (Frankfurt) Siamak Golshiri hat erst 1998 zu schreiben begonnen und bereits drei Bände mit Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlicht. Für seinen neuesten Erzählband Mit verschlossenen Lippen erhilt er nach Abschluß der Lesungen zusammen mit zwei weiteren Autoren den Yaldaliteraturpreis. Als Sohn des bekannten Übersetzers Ahmad Golshiri und Neffe des bedeutenden Erzählers Hushang Golshiri kam er früh mit der progressiven persischen und westlichen Literatur in Berührung. So läßt er zum Beispiel in der Kurzgeschichte Eine Nacht im Nebel die Protagonisten im Stile Raymond Carvers zu Wort kommen, auf den er sich ebenso ausdrücklich beruft, wie auf Hemingway. Bei einer Fahrt durch das nächtliche Teheran begegnen sich drei verheiratete Männer und ein Ehepaar in einem Sammeltaxi. Mit sparsamen Dialogen kennzeichnet der Autor die unterschiedlichen Charaktere und seelichen Zustände seiner Protagonisten, deren Debatte über die Routine des Ehelebens in eine unerwartete Schlußpointe mündet. Die minimalistsche Geschichte erinnert verblüffend an Ten (Zehn), den vorletzten Film des preisgekrönten iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami, der etwa zeitgleich entstanden ist. Golshiris Roman die Verdammten und sein neuester Erzählband haben bei Lesern und Kritikern gleichermaßen Beifall gefunden. Der Autor begründete diesen Erfolg mit der inhaltlichen und stilistischen Aktualität seiner Werke. Ihm zufolge lassen sich in der persischen Prosa der 90er Jahre generell vier literarische Strömungen unterscheiden: Die Konservativen, die Prosaisten, die experimentelle Avangarde und eine vierte Strömung, die behelfsweise als subjektiver Realismus bezeichnet werden könnte. Die Vertreter der konservativen Strömung orientieren sich hauptsächlich an persischen Prosaformen der 70er Jahre. Ihre intellektuell anspruchsvollen Geschichten spielen zumeist in einer albtraumhaften Atmosphäre und sind bevorzugt im auktorialen Stil gehalten. Bei den Prosaisten liegt der Schwerpunkt auf subtilen Sprach- und Wortspielen, die im Extremfall das epische Element weitestgehend verdrängen. Kennzeichen der Avantgardisten, die vorwiegend in den Neunzigern zu schreiben begonnen haben, sind Experiemente mit zeitgenössischen westlichen Erzählformen und –techniken. Den Hintergrund ihrer oftmals realitätsfernen Geschichten bilden zumeist konstruierte abstrakte Räume und Situationen. Im Mittelpunkt der vierten Strömung stehen das iranische Individuum und seine Gesellschaft, deren Alltag unter Zuhilfenahme international etablierter Erzählformen geschildert wird. Golshiri zufolge findet diese realistische Prosa das größte Interesse der persischen Leser. Allerdings vermied er es ausdrücklich, beispielhafte Vertreter dieser vier Strömungen zu nennen, und verwies abschließend auf die provisorische Natur seiner Kategorisierungen.
IRANISTK 3. Jahrgang, Heft 1, Frühling und Sommer 2004
[1] Tadjrisch: großer Platz im Norden Teherans (A.d.Ü.) [2] Agha: Herr (türk.), höfliche Anrede für Fremde. Im Persischen ist das Duzen von Fremden (Männern) ebenso geläufig wie der Wechsel von Du und Sie (A.d.Ü.). [3] Asadi: Freiheit, großer Platz im Süden Teherans (A.d.Ü.). [4] Chanum: Dame (türk.), höfliche Anrede für Frauen (A.d.Ü.).
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